Mitarbeiter in Saudi-Arabien
Anlagenbau in Saudi-Arabien
Staudamm- & Kraftwerksbau in Nepal
Tunnelbau/-sanierung in Indien

Dr.-Ing. Dipl.-Wirt.-Ing. (FH) Laurenz Görres

Lehr-Engagement an der LPNU in Lviv und der NUUE in Kharkiv im April 2024

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Im Februar 2024 entstand die Idee, den Kurs "International Project Management" des WiSe 2023/24 weiterzuführen und den Studenten einen Aufbaukurs "International Project Management II" anzubieten. Die Idee wurden zwischen den Universitäten in Lviv (LPNU) und Kharkiv (NUUE) abgesprochen und es entstand der Plan, die Studenten der LPNU in Präsenz und der NUUE online zu unterrichten. Dies war ein prinzipiell guter Plan, denn im März verschlechterte sich die Situation in Kharkiv dramatisch, als die Stadt unter russischen Raketen-Beschuss geriet. Die Stromversorgung in Kharkiv fiel aus, weil Kraftwerke im Raum Kharkiv gezielt attackiert und zerstört wurden. Die U-Bahn in Kharkiv musste aus Strommangel den Dienst einstellen, die Ampelanlagen wurden abgeschaltet und der Personennahverkehr kam immer mehr zum Erliegen. Der verfügbare Strom reichte nicht mehr für die ganze Stadt, so dass jeden Tag für mehrere Stunden verschiedene Stadtteile vom Stromnetz genommen werden mussten. Als am 22.04.2024 der 240 m hohe TV-Tower in Kharkiv unter Beschuss kam und in Teilen zusammenbrach, musste die TV-Übertragung ausgesetzt werden. Die Kriegszustände in Kharkiv im April 2024 beschreibt ein Kollege der NUUE wie folgt:


Am 12.04.2024 brach ich Richtung Ukraine auf und fing am 16.04.2024 mit dem Unterricht an. Der Unterricht begann jeden Tag um 17 Uhr und dauerte bis ca. 20 Uhr. Die Vor- und Nachmittage verbrachte ich in meinem Büro an der Universität und bereitete die Übungen vor, tauschte mich mit den Professoren aus, erkundete die Universität und organisierte Dokumente für die Sachspende einer Münchner Firma.

Mein ehrenamtliche Lehr-Engagement wurde wie im Dez. 2023 von der Mengler-Stiftung unterstützt, die die Kosten der Reise übernahm und den "Don't give up!"-Award für die Studenten an der LPNU und NUUE auslobte. Weitere Unterstützung erhielt ich durch Softtech (Neustadt an der Weinstraße) und Trimble (USA), die für die Studenten Software-Lizenzen für das 3D-Zeichenprogramm "Sketchup" zur Verfügung stellten. Der DGA-Bau Streitlöserlehrgang Nr. 6 und meine Ex-Kollegen bei BAUER Spezialtiefbau in Schrobenhausen sammelten Geld, so dass ich die Studenten und einige Professoren zu einem Abendessen einladen und den Kollegen von der NUUE in Kharkiv noch Akku-Baustrahler zukommen lassen konnte. Alle Spendern und Unterstützern sei an dieser Stelle sehr herzlich gedankt.  

Und dies ist bestimmt einer meiner schönsten Lehr-Zertifikate (mit Seltenheitswert)!


Die Bilder zum Vergrößern bitte anklicken!

 

Eindrücke von der Universität und Lehre in Lviv (LPNU im April 2024)


Wer Lviv noch nicht kennt, sollte darüber nachdenken, Lviv zu besuchen, denn wer Wien oder Krakau mag, wird auch Lviv mögen. Lviv ist wie ein "kleines Wien" oder ein "kleines Krakau". Die gesamte Stadt ist durch die Habsburger Zeit geprägt und ein Idyll für Architekten und Kultur-Fans. Daneben finden sich in Lviv aber auch die Einflüsse vieler anderer Kulturen (polnisch, jüdisch, sowjetisch, ukrainisch ...). Es verwundert nicht, dass das Institut für Architektur an der LPNU ein hohes Ansehen besitzt und der Austausch mit Prof. Cherkes, der das Insitut für Architektur leitet, stets sehr interessant ist - nicht nur im Hinblick auf Architektur, sondern auch auf die Umstände in der Ukraine.

Das Hauptgebäude der LPNU

Klassenraum mit Beamer

Dozentensicht
(Studenten aus Kharkiv nehmen online am Kurs teil)

Kharkiver Studenten sind über Zoom hinzugeschaltet

Mein "Büro" an der LPNU, in dem ich die Trainings täglich vorbereitet habe.

Meine "Mensa" (das Boykivsʹka Hostyna) -
Kriegsausstellungsstücke gehören zum Restaurant-Inventar.

Der Kurs "International Project Management I & II" trainiert die Studenten, Infrastrukturprojekte in der Angebots- und Ausführungsphase zu planen, so wie es zum Wiederaufbau der Ukraine notwendig sein wird. Statt des Frontalunterrichts mit Theorievorlesungen halte ich praxisnahe Übungen ab, bei denen die Studenten auf ihrem eigenen Computer die Theorie in eine Excel-Tabellenkalkulation umwandeln müssen. Das erfordert das aktive Mitdenken und Mitarbeiten der Studenten und fördert das Verständnis der Zusammenhänge. Wer die verschiedenen Parameter eines baubetrieblichen Problems erkannt hat und diese in einer Tabellenkalkulation zu verknüpfen versteht, erhält vertiefte Einblicke in die Komplexität baubetrieblicher Aufgabenstellungen und baubetrieblicher Denkweisen, die kaum ein Lehrbuch zu beschreiben vermag und gängige Anwendungssoftware nicht abbildet. Es ist ein Lehrkonzept, das auf der Lehrtechnik des "Inverted Classroom" basiert, von mir während der Corona-Pandemie konzipiert wurde und damals wie heute hohen Anklang bei den Studenten findet. Die Kharkiver Studenten gaben das folgende Feedback zu dieser Lehrweise:

 

 

Wie auch schon im Dezember 2023 wurde der Präsenz-Kurs mit einem Rippchenessen im "At Arsenal" abgeschlossen. Anschließend ging es auf ein Bier in den Pravda-Pub. Die hervorragende Live-Musik im Pravda-Pub fiel wegen des "Tschernobyl-Gedenktages" (26.04.) allerdings aus. 

Das Abschlussessen mit den Studenten fand
dieses Mal im kleinen Kreise statt ...

und so blieb noch Geld für ein Bier im
Pravda-Pub übrig.

Der Kurs wird noch bis Ende Mai mit kleineren Übungen einmal wöchentlich online fortgesetzt. 

 

Das Museum der Universität

Im März 2023 musste der Museumsbesuch wegen eines Luftalarms abgebrochen werden. Prof. Khmil war so freundlich und organisierte mir deshalb im April 2024 eine Privatführung durch das Universitätsmuseum. Auch wenn das Museum klein ist, sind die dort ausgestellten Exponate und die Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der Universität beeindruckend. Was an deutschen Hochschulen und Universitäten häufig verloren gegangen ist, wir an der LPNU in Lviv (und auch an der NUUE in Kharkiv) gepflegt. So bewahrt man nicht nur die Geschichte der Universität, sondern auch wunderschöne Exponate sowie akademische und gesellschaftliche Werte.   

Ein auf Deutsch abgefasstes "Zeugnis der k. k. technischen Akademie in Lemberg über bestandene Privatprüfung" (aus 1830-er Jahren)

Standuhr von "Strasser und Rohde" aus Glashütte in Sachsen (100 Jahre alt und in Betrieb)

Das "Multiplex" - Mathematik mal ganz einfach und genial!

Mit dem Taschenrechner geht die Multiplikation nicht scheller und den Trick kann man im Kopf auch anwenden.

Beispiel: Man multipliziere 8.562 mit 3! Was ist das Ergebnis? Das "Multiplex" liefert das Ergebnis sofort: 25.686. Können auch Sie am "Multiplex" den Rechentrick erkennen? Hätte ich diese Rechentrick doch nur schon in der Grundschule gewusst, ich wäre um einiges schneller gewesen. Wie so häufig: "Über den Tellerrand zu schauen", erweitert den Horizont. 

"Rheinmetall" war nicht immer nur eine Waffenschmiede, sondern stellte zwischen WW 1 und WW 2 auch Schreibmaschinen her, als in Deutschland die Panzerproduktion verboten war.

Ein Navigationsgerät für Kosmonauten made in Lviv (1984). Es zeigte den Kosmonauten immer den aktuellen Punkt über der Erde an.

Der "PK-01 Lviv" - Ein PC made in Lviv
(KR580-Serie; Baujahr 1988; ROM 16 KB & RAM 48 KB)

Der Stab eines Hetman und die Kuratorin des Museums
("Hetman" waren Kosaken-Führer auf dem Gebiet der frühen Ukraine)

 

Der Universitätstag

Am Universitätstag stellten sich die Institute der LPNU vor und warben um Studenten. Hoher Andrang herrschte bei allen Ständen, die mit Elektronik und Drohnen zu tun hatten.

"Life as usual" am Universitätstag

Das Lehrgebiet der "Architektur" hat an der LPNU
einen besonders hohen Stellenwert.

Handzeichenkurs im Freien vor der LPNU

Handzeichenkurs im Zeichensaal der LPNU

Schon einmal als Hochschule daran gedacht, statt eines Handzeichenkurses in der Toskana diesen in Lviv abzuhalten? Ein solcher Kurs in Kooperation mit der LPNU wäre nicht nur um ein Vielfaches günstiger, sondern auch vom architektonischen und interkulturellen Erfahrungswert wesentlich umfangreicher. Er würde zudem die Völkerverständigung fördern, den Studenten den Ukrainekrieg erklären und den Ukrainer eine moralische Unterstützung geben. 

Zwei stolze Jung-Erfinder mit ihren Entwicklungen
(einem "Leuchtwecker" und einem fahrbaren "Kleinst-Metallsuchgerät")

Stände, an denen Drohnen und Drohnensoftware vorgestellt wurden, hatten einen hohen Zulauf.

 

Einen Abend mit Professoren im Dzyga (einem netten Kunst-Cafe in Lviv)

Die Spende von BAUER Spezialtiefbau war so großzügig, dass ich auch noch einige Professoren zu einem sehr gemütlichen Abendessen einladen konnte.

Die Küche im Dzyga ist sehr gut und
Myhailo schmeckt es.

Zum Abendessen im Dzyga mit Myhailo (Assistenzprofessor), Roman (Insititutsleiter) und Oksana (Dekanin)

Das Dzyga ist ein zu einem Kunst-Cafe umgebauter alter Reitstall, in dem jeden Abend auch Musikveranstaltungen stattfinden. Architektonisch ist das Dzyga eine sehr schöne Mischung von Altem mit Neuem sowie von Gastronomie mit Theater und Kunst. Es ist ein Ort, der zum Verweilen und Abschalten vom Krieg einlädt (denn die dicken Mauern und das sehr alte Gewölbe des Reitstalls durchschlägt keine Rakete).

 

Dann war da noch die IT-Sachspende einer Münchner Firma

Im Januar 2024 erklärte sich eine Münchner Firma bereit, ihre ausgemusterte und im Keller eingelagerte IT-Ausstattung an die Universitäten in Lviv und Kharkiv zu spenden. Die Spende umfasste vor allem Monitore und auch Beamer, die an ukrainischen Universitäten Mangelware sind. Um diese Spende als "Humanitäre Hilfe" zollfrei in die Ukraine einzuführen, waren allerdings einige kleine (bürokratische und organisatorische) Hürden zu überwinden. Die letzte Hürde wurde von mir vor Ort genommen. Nachdem mit der zuständigen Person aus dem Präsidium der LPNU in guter alter Art mit einem Schnaps angestoßen worden war und man sich auf diese Weise persönlich näher kennengelernt hatte, hielt ich das entscheidende Transportdokument in der Hand und dem Transport der Spende von München nach Lviv stand nichts mehr im Weg. Die Münchner Firma ermöglichte sogar noch die sehr kurzfristige Abholung der Spende am Samstagabend und nur zwei Tage später traf diese in Lviv ein. Ein ganz großes Dankeschön an alle Beteiligten für deren Hilfsbereitschaft.

Januar 2024: Gut erhaltene Monitore in München

April 2024: Monitore und Beamer erreichen LPNU in Lviv

Falls auch Sie IT-Hardware abzugeben haben, melden Sie sich bitte bei mir. Ich weiß, wo diese in der Ukraine gebraucht wird. Zum Aufbau eines CAD- und BIM-Labors werden an den Universitäten in Lviv und Kharkiv vor allem Monitore mit 27" und 30" gesucht. Benötigt werden zudem: Steckdosenleisten, Überspannungsschutzstecker, Beamer und mobile Leinwände. Auch gebrauchte Notebooks wären sehr willkommen. Und in all jenen Gebieten in der Ukraine, die wie Kharkiv unter "Strommangel" leiden, sind kleine Akku-Baustrahler sehr gern gesehen.   

 

... und der Krieg

Vor allem Rentner und auch Studenten fertigen in ihrer Freizeit Tarnnetze für die Ukrainische Armee.

Ehemaligen Studenten der LPNU, die im Krieg gefallen sind, wird auf Aushängen gedacht.

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Eindrücke von einem Spaziergang durch Lviv

 

Mein Tipp: Besuchen Sie Lviv, denn die Stadt ist eine Reise wert. Der "Osten" ist viel näher als wir denken und ein Besuch in Lviv kann - trotz des Krieges - kulturell sehr bereichernd sein. Und wer einmal in Lviv war, wird verstehen, warum die Ukrainer nicht zu "Putin" gehören wollen und um ihr Überleben kämpfen. Die Ukrainer stehen vor der Wahl, als Ukrainer weiter leben zu können oder als Ukraine "nihiliert" zu werden. Für viele Ukrainer gibt es deshalb keine andere Möglichkeit als weiter zu kämpfen, bis Russland sich zurückzieht und ein dauerhaftes Überleben der Ukraine sichergestellt ist.

Die Ukraine ist mindestens genauso alt wie Russland und bis heute ist es nicht vollständig geklärt, ob Russland (Moskau) aus der Ukraine (Kyiv) oder die Ukraine aus Russland hervorgegangen ist. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die Ukraine seit dem 24.08.1991 ein unabhängiges Land, dessen Unabhängigkeit von Russland am 25.08.1991 anerkannt wurde. Mit der Rückgabe aller auf ukrainischem Gebiet stationierten ehemaligen sowjetischen Atomraketen an Russland wurde die Unabhängigkeit und die Souveranität der Ukraine durch das "Budapester Memorandum" am 05.12.1994 noch einmal bestätigt. Russland, Großbritannien und die USA sind als Atommächte die Garanten dieses Memorandums. Mit der russischen Annektion der Krim im Jahr 2014 hat Russland mit diesen Staatsverträgen gebrochen. Die Konsequenz daraus war und ist, dass die Ukrainer gegenüber Russland sehr misstrauisch und Friedensverhandlungen schwierig geworden sind.

Foto von Lviver Rathausturm Richtung Osten

Foto von Lviver Rathausturm Richtung Westen

Die Fassaden am Rathausplatz sind wunderschön.

Der Turmuhrglocken auf dem Rathaus sind voll funktionstüchtig.

Das Uhrwerk der Rathausuhr ist voll funktionstüchtig und ein Meisterwerk alter Uhrmacherkunst (erbaut von Wilhelm Stichl vermutlich während der k. k.-Zeit).

Die Oper im Zentrum von Lviv

Auf dem Dauerflomarkt an der Ivan-Fedorov-Statue kann man noch Schallplatten von den "Scorpians"
und "Bon Jovi" erwerben.

Die "IQ-Pizza" an der Uni bietet nicht nur
eine "Himars-Pizza" und "Patriot-Pizza" an,
sondern hat auch lustige und fröhliche Mitarbeiter.

Die viele Kultur in Lviv macht hungrig
und deswegen ist die Küche in Lviv
auch exorbitant gut. 

Lviv ist für seine handgefertigte
Schokolade bekannt.

Durstig? Hier gibt es alles! Auch "Gösser" aus Österreich
oder "Paulaner" aus München.

 

"Sound of Lviv"

20.04.2024, 18:40 Uhr

Straßenband vor der Oper in Lviv und singende Ukrainer (unbedingt bis zum Ende hören - grandios).

"Sound of Lviv"

20.04.2024, 18:50 Uhr

Straßenmusikant in Lviv und singende Ukrainer
(absolut hörenswert).

"Sound of Lviv"

21.04.2024, 20:20 Uhr

Straßenband im
Stadtzentrum in Lviv
und tanzende Ukrainer
(hörens- und sehenswert)

"Sound of Lviv"

26.04.2024, 18:00 Uhr

Übung einer Militärparade
in Lviv (im Hintergrund ist das Rathaus und der Rathausplatz mit wunderschönen Haus-Fassaden zu sehen).

Es ist Krieg, aber die Lviver trotzen diesem Krieg und zeigen, dass sie nicht zu "Putin's Russland" gehören wollen. Sollte Russland den Krieg gewinnen, dürfte es sehr fraglich sein, ob die Menschen in der Ukraine ihr Leben so weiter leben dürfen. Es sollte uns in Deutschland dann nicht verwundern, wenn eine Flüchtlingswelle Richtung Westen einsetzt, die bisherige Ausmaße bei Weitem übertrifft.

Ich frage mich bei diesen Videos und tanzenden Menschen (und Kleinkindern) aber auch, warum so viele Ukrainer in den Westen bereits geflüchtet sind? Die Ukraine braucht ihre Staatsbürger und zwar nicht nur im Kampf, sondern auch um den Staat am Laufen zu halten. Jeder Ukrainer, der in der Ukraine einer Arbeit nachgeht, schafft Wirtschaftsleistung und stärkt den ukrainischen Staat. Jeder Ukrainer, der in den Westen geflüchtet ist, schwächt den ukrainischen Staat (und auf längere Sicht vermutlich auch die westlichen Solidargemeinschaften). Es ist eine Diskussion, die von den nicht-geflüchteten Ukrainern geführt wird und auch an mich bereits herangetragen wurde. Der Krieg zersetzt auf diese Weise den Zusammenhalt der ukrainischen Gesellschaft (und der westeuropäischen Staaten), was durchaus auch ein Kalkül dieses Krieges bzw. Putins sein könnte. Mit meinem Engagement in der Ukraine möchte ich deswegen auch zeigen, dass man sich in der Ukraine frei bewegen und arbeiten kann. Die Zustände in der Ukraine sind nicht so, wie wir diese durch die Medien wahrnehmen: Sie sind einerseits viel besser (z.B. Lviv, Kyiv) und andererseits viel schlechter (z.B. Ostukraine). 

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Die Kirchen von Lviv

 

Lviv hat sehr viele Kirchen und die sind etwas Besonderes. Viele dieser Kirchen sehen von Außen "unscheinbar" aus, im Inneren finden sich aber wahre Kunstschätze. 

The Church of the Holy Eucharist

Church and Monastery of Discalced Carmelites

Sankt-Georgs-Kathedrale

Latynsʹkyy Katedralʹnyy Sobor

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Der Krieg in Lviv und der Heldenfriedhof von Lviv (im April 2024)

 

Die Ukraine wird derzeit tagtäglich im ganzen Land attackiert. Die Luftaufklärung der Ukraine ist allerdings gut aufgestellt und die Ukrainer wissen genau, was sich zu Wasser oder in der Luft auf die Ukraine zubewegt. Je nach dem, was die Fernaufklärung erkannt hat, werden auf diversen Apps Warn-Meldungen (Luftalarme) abgegeben.

20.04.2024. 13:26 Uhr:
Mehrere Kampfflugzeuge bewegen sich aus
zwei Richtungen auf die Ukraine zu.

27.04.2024, 04:31 Uhr:
Ein Raketenkreuzer bewegt sich
auf die Ukraine zu.

Russische Luftangriffe werden sehr häufig von den Luftwaffenstützpunkten Savasleika und Engels-2 geflogen. Auch wenn diese mehrere hundert Kilometer von der Ukraine entfernt sind, kann eine von dort gestartete MiG 31 in wenigen Minuten den ukrainischen Luftraum erreichen. Die Ukrainer fürchten vor allem die von den MiG 31 abgefeuerten Hyperschallraketen, die innerhalb weniger Minuten jeden Punkt in der Ukraine erreichen können und nur sehr schwierig abzufangen sind.

Die Flugrouten von Shahed-Drohnen (gelb), Marschflugkörpern (rot), ballistischen und Hyperschall-Raketen
(blau und grün) wird aufgezeichnet und über Apps kommuniziert.

Es ist erschreckend zu sehen, dass so viele verschiedene russische Waffenträger derart tief in den ukrainischen Luftraum eindringen können, ohne von einer ukrainischen Luftverteidigung abgeschossen zu werden. Der Mangel an Luftverteidigung führt dazu, dass jeder Ort in der Ukraine zu jeder Zeit angegriffen werden kann.

Man stelle sich das einmal in Deutschland vor: Ein Marschflugkörper oder eine Shahed-Drohen wird über der Nordsee abgefeuert und fliegt in unvorhersehbaren Schlängellinien von Bremerhaven bis München, was der Distanz von Odessa nach Lviv entspricht. Wie viele Menschen müssten dann in Deutschland ihre Arbeit unterbrechen, würden aus dem Schlaf gerissen ... und müssten sich in den Schutzkeller begeben? Und das fast jeden Tag seit über zwei Jahren. Die deutsche Wirtschaft (und Gesellschaft) würde zusammenbrechen. Ein anderes Szenario wäre, dass eine Hyperschallrakete (Iskander, Kinschal, Zirkon) in Kaliningrad abgeschossen wird, welche nach ca. 3 Minuten in Berlin einschlagen würde, noch bevor dort der Luftalarm ertönen könnte. Das entspricht der Realität in Charkiv.   

Auch die Flugrouten von Flugzeugen in Russland
werden genau verfolgt (wie MiG 31, Tu 95 u.a.)

Die Flugrouten von Drohnen und Raketen über ukrainischem Gebiet werden kommuniziert.

Keine 23 Jahre alt geworden
(11.10.2000 - 05.10.2023).

Als "Rentner" mit 62 Jahren im Krieg gefallen
(06.04.1961 - 23.01.2024).

Mutter, Ärztin und Soldatin, gestorben mit 30 Jahren
(17.02.1993 - 25.06.2023)

Ein Meer aus Fahnen für die gefallenen Soldaten und Soldatinnen.

Der Soldatenfriedhof wurde auf dem "Marsfeld" angelegt und hat mittlerweile eine traurige Größe erreicht. Die eine Hälfte des Marsfeldes ist nach zwei Jahren Krieg vollständig mit Gräbern belegt (für Georeferenz klick hier: Marsfeld vor dem Krieg). Die zweite Hälfte wird derzeit für neue Gräber vorbereitet (siehe Fotos im Hintergrund).

Die Ukrainer zahlen einen sehr hohen Blutzoll für einen Krieg, der eigentlich nicht ihrer ist (siehe "Reise-Fazit" weiter unten).

 

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Die Rückreise

 

Morgens um 5:30 Uhr am Busbahnhof in Lviv

Am Grenzübergang zwischen der Ukraine und Polen

In der "Border Control Zone" an der Grenze

Die Rückreise von Lviv ging dieses Mal über Krakau, denn die Züge zwischen Wien und Lviv verfügten über keine freien Plätze: 

  • Lviv - Krakau (330 km):
    10 Stunden mit dem Ãœberlandbus, davon knapp 6 Stunden in der Passkontrolle
  • Krakau - Frankfurt (800 km):
    5 Stunden mit dem Flugzeug (inkl. dem Check-in und Baggage Claim)
  • Frankfurt - Rüdesheim:
    1,5 Stunden mit dem Zug

 

(Kleines) Reise-Fazit und wie geht es weiter?


Viele Menschen haben zum Ukrainekrieg unterschiedliche Ansichten, aber egal wie man diesen Konflikt betrachtet: Es ist und bleibt ein russischer Angriffskrieg, bei dem das Völkerrecht missachtet und gebrochen wurde, das seit dem zweiten Weltkrieg den Frieden in Europa bewahrt hat. Wer den Bruch des Völkerrechts toleriert, schafft die "Blaupause" für kriegerische Auseinandersetzungen in Europa und auch weltweit. In den letzten 14 Monaten habe ich fast drei Monate in der Ukraine zugebracht und kann folgendes resümieren: 

Punkt 1)
Die Ukraine stellte zu keiner Zeit eine militärische Bedrohung für Russland dar. Die Ukrainer wollten aber einen Wechsel im politischen System vornehmen (siehe "Orange Revolution", "Kastanienrevolution", "Euromaidan" ...) und von einem politisch geprägten "Ost-System" zu einem "West-System" wechseln. Einen solchen Systemwechsel kann Putin in der Ukraine nicht tolerieren, weil er eine Gefahr für das Fortbestehen des "russischen Systems" bzw. des "Putin'schen Systems" darstellt. Der Ukrainekrieg ist deshalb eher ein Kampf der Systeme bzw. viel mehr eine Auseinandersetzung zwischen "Ost" und "West", bei der die Ukraine nur das Schlachtfeld ist. Mit "ukrainischen Nazis" und einer notwendigen "Entnazifizierung der Ukraine" - wie Russland dies behauptet - hat all dies nichts zu tun. Mir sind auf meinen Reisen in die Ukraine bisher keine Nazis begegnet, sondern ausschließlich sehr nette, höfliche, patriotische und tapfere Menschen.

Punkt 2)
Das Argument, dass Russland die russischsprachigen Ost-Ukrainer vor den pro-westlich orientierten West-Ukrainern hat beschützen müssen, ist ein russisches Märchen, denn bei Betrachtung der Sachlage, geht es den Menschen in der Ostukraine heute wesentlich schlechter als vor der russischen Invasion. Russland legt in der Ostukraine gerade alles in Schutt und Asche und hat bereits vor 2014 daran gearbeitet, die Ostukraine gegen die Westukraine aufzustacheln, um die Ukraine als Ganzes zu destabilisieren. Für die russischen Eliten sind Ukrainer Menschen zweiter Klasse. Zum "Schutz der russisch-sprachigen Minderheit in der Ostukraine" ist folgendes anzumerken: Kulturelle und sprachliche Unterschiede innerhalb eines großen Landes (wie der Urkaine) dürften eher die Regel als die Ausnahme sein, und stellen kein Grund für ein Drittland (Russland) dar, in einem kulturell vielfältig aufgestellten Land militärisch zu intervenieren. Man stelle sich vor, Österreich stachelt zunächst die Bayern gegen die Norddeutschen auf und marschiert dann in Bayern ein, um die Bayern mit ihrem "Bairisch" und ihren „Weißwürsten“ vor den Niedersachsen mit ihrem "Plattdeutsch" und ihren „Fischbrötchen“ zu beschützen. Niemand würde dies in Deutschland tolerieren. Die Situation in der Ukraine ist prinzipiell ähnlich, weshalb man den Ukrainern ihr Recht auf Selbstverteidigung und die Herstellung der vollen Souveränität nicht abstreiten kann. Und man sollte die Gefahr bedenken, die aus einem erfolgreichen russischen Vorgehen in der Ukraine hervorgehen könnte: Evtl. kommt dann der "Ukrainekrieg 2.0" in den Baltischen Staaten oder aber auch anderswo in der Welt (z.B. Taiwan, Südchinesisches Meer). Es gibt genug Akteure weltweit, die sich die Geschehnisse in der Ukraine gerade ganz genau anschauen und für sich analysieren.    

Punkt 3)
Ökonomisch betrachtet hätte Russland das Geld, was es in der Ukraine gerade tagtäglich im Krieg "verbrennt", bei einer tatsächlich vorhandenen Bedrohungslage wesentlich besser in seine Verteidigung und Landessicherung oder auch in die Modernisierung seiner Wirtschaft in Südrussland (Belgorod, Krasnodar …) stecken können. Allerdings bestände dann weiterhin die Gefahr, dass bei einem Anschluss der Ukraine an den Westen, die ukrainische Wirtschaft und der ukrainische Wohlstand wesentlich schneller wachsen als in Russland. Bei den engen Verflechtungen, die zwischen den Ukrainern und Russen bestanden haben, würde dies in der russischen Bevölkerung Begehrlichkeiten wecken und Putin hätte Schwierigkeiten, die folgende Frage zu beantworten: "Warum fahren meine Verwandten in der Ukraine einen Tesla und ich nur einen Wolga?" Das "System Putin" wäre in diesem Fall in höchster Gefahr. Nach dem Fall der Sowjetunion in 1991 käme dann vermutlich zeitnah der Fall Russlands? Diese Gefahr lässt sich aus russischer Sicht nur bannen, wenn die wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine hinter der Russlands bleibt, weshalb Russland den Anschluss der Ukraine an den Westen verhindern muss und die Ukraine derzeit zurück in die Steinzeit bombt. Aus diesem Grund ist es Russland auch wichtig, die komplette ukrainische Regierung samt Selensky zu beseitigen und durch eine pro-russische zu ersetzen. Russland geht es nicht um die russischsprachigen Ostukrainer, sondern um eine schwache Ukraine, die gut für Russland ist. Eine prosperierende Ukraine ist schlecht für Russland. Wie perfide Russland argumentiert, erkennt man auch daran, dass russische Eliten die Ukrainer als Menschen zweiter Klasse betrachten (seit jeher – früher wurde das Gebiet der Ukraine deshalb auch schon einmal als "Kleinrussland" tituliert) und gleichzeitig die Ukrainer als "Nazis" bezeichnen, die es zu bekämpfen gilt. Wer nur ist der wahre Nazi, wenn man Menschen in Klassen einsortiert? Jetzt kann sich jeder überlegen, ob ein Friedensschluss unter diesen Umständen wirklich Frieden bringen würde.

Punkt 4)
Der Ruf nach Friedensgesprächen ist berechtigt, denn von Ausnahmen abgesehen (z.B. Koreakonflikt), enden die meisten kriegerischen Konflikte am Verhandlungstisch. Friedensgespräche führt man, wenn beide Konfliktparteien der Ansicht sind, dass im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung die eigenen Verluste größer als bei einem Ende des Waffenganges sind oder sich die Ressourcen bei einer Partei vollständig erschöpft haben und diese kapitulieren muss. Solange eine Konfliktpartei der Ansicht ist, mit Waffengewalt noch mehr für sich gewinnen zu können, wird es nicht zu Friedensgesprächen kommen. Wieso auch? Der Karren steckt ohnehin im Dreck und solange man als Kriegspartei dies vermag, zieht man den Karren durch den Dreck. Wenn man damit Erfolg hatte, muss die unterlegene Partei den verdreckten Karren säubern. Auf den Ukrainekrieg bezogen bedeutet dies, für ein Kriegsende bräuchte es eine Pattsituation oder die Kapitulation einer Partei. Die Kapitulation Russlands ist unwahrscheinlich, aber die der Ukraine auch, denn dies würde den Untergang der Ukraine bedeuten. Während die Ukraine also um ihr "nacktes Überleben" kämpft, führt Russland mit seiner derzeitigen Übermacht den Krieg weiter, um so viel wie möglich für sich zu gewinnen und um das "System Putin" zu stabilisieren. Ein Ende des Konfliktes ist deshalb erst absehbar, wenn in Russland die Überzeugung eintritt, dass im weiteren Kampf nichts mehr zu gewinnen ist. Diesen Zustand erreicht man erst, wenn die Ukrainer in der Lage sind, ausreichend Widerstand gegen die russische Aggression leisten zu können. Wer dies nicht nachvollziehen kann, stelle sich vor, mit einem hungrigen Eisbären auf einer Eisscholle zu sitzen. Sie wissen um die Gefahr mit dem Eisbären und wollen deshalb Friedensgespräche mit dem Eisbären führen. Eine dumme Idee, denn dieses Friedensgespräch würden sie vermutlich nicht überleben. Alternativ könnten Sie versuchen, sich totzustellen, was allerdings auch nicht helfen würde, denn der Eisbär hat Sie längst gerochen und weiß, dass Sie da sind. Was hilft, wissen die Arktisbewohner: Man sollte sich bei einem Eisbärenkontakt so groß wie möglich machen und so laut wie möglich sein. Im hohen Norden verscheucht man Eisbären mit Knallern, Böllern, Warnschüssen und grellem Licht – also mit einer Machtdemonstration (aber nicht mit physischer Gewalt). Sollte sich der Eisbär gegen Sie auf der Eisscholle durchgesetzt haben, weil ihnen Größe und Böller gefehlt haben, und der Eisbär Sie mit Haut und Haar verspeist haben, ist der weitere Verlauf der Geschichte für Sie uninteressant. Alle Anderen sollten sich überlegen, was ein hungriger Eisbär als nächstes tun würde, der nach dieser Vorspeise so richtig „auf den Geschmack gekommen“ ist.

Punkt 5)
Wer nun in Deutschland meint, dass uns der Ukrainekrieg nichts angeht, macht es sich meiner Meinung nach zu leicht und verschließt die Augen vor der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Für mich verteidigen die Ukrainer nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch demokratische Werte und letztendlich auch das Völkerrecht, was alle Menschen weltweit angehen sollte. Die Ukrainer kämpfen dafür, dass im 21. Jahrhundert damit Schluss sein sollte, Ländergrenzen mit militärischer Stärke und Übermacht zu verändern. Dafür zahlt die Ukraine einen sehr hohen Preis mit vielen Menschenleben und großflächiger Zerstörung, wovon ich mir in der Ukraine selbst ein Bild habe machen können. Als Bauingenieur, Baubetriebler, Infrastrukturbauer und ehemaliger Professor ist es für mich deshalb eine Selbstverständlichkeit, vor Ort mit "meinen Mitteln" zu helfen und lehrend tätig zu sein, um den Ukrainern zu zeigen, dass sie in ihrem Kampf nicht allein sind.

 

Die Probleme dieser Welt löst man nur, wenn man bereit ist, "über den Tellerrand zu schauen". Das "über den Tellerrand schauen" erfordert Überwindung, das Verlassen der eigenen Komfortzone und macht gelegentlich viel Arbeit, aber kann dafür auch sehr bereichernd sein. Diese Erfahrung habe ich bei meiner Arbeit in Nepal, Indien, Südafrika und auch in der Ukraine gemacht. Mein ehrenamtliches Lehrengagement in der Ukraine ist bisher sehr arbeitsintensiv gewesen, aber mit der Hilfe von guten Freunden, werde ich es weiter betreiben, denn es hilft den Menschen vor Ort und setzt Zeichen. Wenn jeder ein bisschen was täte, gäbe und Zeichen setzen würde, sähe es in der Ukraine besser aus. Auch wenn die Gruppe der Studenten dieses Mal eher klein ausfiel, hat sich gezeigt, dass mein Lehrkonzept sehr gut passt und umsetzbar ist. Aber wo wie in Kharkiv aufgrund zerstörter Kraftwerke der Strom fehlt, funktionieren auch ÖPNV, Kühlschränke, Kochplatten, Licht, Internet, Computer ... nicht! Als Kharkiver hat man dann ganz andere Probleme zu lösen.     

Prof. Khmil hat für die LPNU bereits das Interesse bekundet, den Kurs "IPM 1" im Herbst 2024 neu zu starten und mit der Unterstützung der Mengler-Stiftung und evtl. weiteren Unterstützern ist dies auch bestimmt machbar. Auch für die NUUE in Kharkiv stehe ich weiterhin gerne zur Verfügung. Ich freue mich bereits auf den nächsten Einsatz vor Ort. Mein Tipp: Erkunden Sie den Osten, so lange es noch geht.

 


Bearbeitungsstand dieser Webseite: Mai 2024

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